oder
Nazis auf der Buchmesse

Was nun folgt, ist ein chaotischer, unübersichtlicher und ohnmächtiger Versuch, meine Gedanken zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse in Worte zu fassen. Ich warne Sie ausdrücklich, denn wie Sie vielleicht bemerkt haben, halte ich mich bei poltischen Themen meist zurück. Nicht, weil es mich nicht interessiert, sondern, weil es mir schwerfällt, meine Gedanken dazu in angemessene Worte zu fassen.
Für mich sind die Menschen nicht schwarz oder weiß, gut oder böse, links oder rechts. Ich sehe Individuen, die aus bestimmten Gründen auf eine bestimmte Art und Weise denken und handeln. Meine Bemühungen gehen dahin, alles und jeden aus jeder nur erdenklichen Perspektive zu betrachten und am Ende zu verstehen. Diese, nennen wir es Angewohnheit, überfordert mich zunehmend. Ich habe immer Angst, einen Aspekt zu vergessen und mich auf etwas festzulegen, das ich gar nicht so meine.
Darüber hinaus fehlt mir die nötige Weitsicht, Bildung und das Verständnis, um komplexe politische Vorgänge vollständig zu erfassen. Doch mir ist auch bewusst, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man sich bedenkenlos aus allem heraushalten kann. Deshalb möchte auch ich ein wenig Senf zu den Ereignissen auf der Frankfurter Buchmesse abgeben. Frikadelle und Brötchen gilt es allerdings bei anderen Bloggern einzusammeln, auf die ich natürlich an geeigneter Stelle verweisen werde.

Nun zum eigentlichen Thema:

Die Buchmesse als politische Bühne.
(Ich erspare mir die genaue Darstellung der Abläufe und Vorfälle von Freitag und Samstag. Ich möchte hierzu auf den Beitrag von Sven Hensel verweisen.)

„Auf der Buchmesse dreht sich alles um Bücher!“
Das war immer meine, zugegeben etwas naive, Vorstellung. Im Kern stimmt diese These sicherlich auch, aber sie verklärt die Konsequenzen. Denn wo Bücher sind, das ist Text und wo Text ist, ist auch Meinung und wo Meinung ist, … Tja, was ist da eigentlich?
Im Idealfall sollte es wohl „offener Diskurs auf Augenhöhe“ heißen. Leider liegt dieser Idealfall nur selten vor. Gerade der politische Diskurs neigt dieser Tage dazu, emotional aufgeladen zu werden. Themen die sachlich und differenziert besprochen werden müssten, werden verbal aufgebauscht und inhaltlich reduziert. Mir erscheint es, als ginge es am Ende nur noch um die Frage, ob rechts oder links. (Und natürlich Flüchtlinge.) Es scheint, als gebe es nichts mehr dazwischen.
Die Buchmesse ist also theoretisch ein Ort, an dem viele verschiedene Meinungen, Denk- und Glaubensrichtungen, und politische Ansichten aufeinander treffen. In der einen Ecke wird angeregt darüber diskutiert, ob phantastische Literatur in den Feuilleton gehört oder nicht, am nächsten Stand spricht jemand über die Vor- und Nachteile des Self-Publishings und an der nächsten Ecke bekommt man eine aufs Maul, weil man sich gegen rechte Parolen äußert.

Diskussionskultur nennt man das.

(Bitte verzeihen Sie mir meinen Sarkasmus, er ist Teil meiner Persönlichkeit.)

Was mich an den Vorfällen auf der Buchmesse am meisten stört, ist weniger der Aspekt, dass es zu Konflikten gekommen ist, denn das war in dieser Konstellation vorprogrammiert, sondern der Umgang damit. Wenn man sich auf der Buchmesse den Dialog mit rechten Verlagen wünscht, dann muss der Veranstalter dafür sorgen, dass dieser Austausch auch in einem angemessenen Rahmen erfolgt. Sobald eine Situation über eine hitzige Diskussion oder eine fragwürdige aber friedliche Veranstaltung hinausgeht, sollte diese abgebrochen werden. Zum Schutz aller Anwesenden. (Zu diesem Aspekt möchte ich auf den Beitrag von Nike Leonhard verweisen, der es im Gegensatz zu mir gelungen ist, die Ereignisse nüchtern und rational zu reflektieren.)

Offene Gewalt inmitten unzähliger Bücher bedeutet, für mich zumindest, eine Art Entweihung. Der Zauber der Seiten wurde gebrochen und ich auf dem harten Boden der Tatsachen ausgesetzt. Denn natürlich gibt und gab es immer schon Bücher die Fremdenfeinlichkeit, Homophobie, Intoleranz, Nationalismus, Sexismus, oder kurz gesagt: Menschenfeindlichkeit und andere verabscheuungswürdige Inhalte transportieren. Aber bisher ist es mir gelungen, sie auszublenden. Ich dachte immer: „Sowas liest doch eh keiner“ oder „Das kann doch niemand ernst nehmen“.

Was war ich unschulding, naiv und dumm.

Dass rechtes Gedankengut und Naziparolen offen geäußert werden können, ohne laute und umfassende Kritik zu ernten, ist schlichtweg beängstigend. Nicht minder bedenklich ist es jedoch, dass öffentliche Stellungnahme gegen rechts heute offenbar gleichbedeutend mit linksradikal ist. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen das Gegen-rechts-stellen noch als selbstverständlich galt und keinesfalls als radikal. Es gab Zeiten, in denen sich auch Konservative offen gegen Rechte äußerten. Doch jetzt bleibt die Option anscheinend nur noch den Linken. Verzeihung, den Linksradikalen. (Man verzeihe mir das Richtungsanzeigende Gerede, aber es bräuchte einen eignen Beitrag, um zwischen allen politischen Gruppierungen zu unterscheiden.)

Ich wäre wohl nie auf den Gedanken gekommen, mich als solche zu bezeichnen. Aber meine offene Bekenntnis zur Toleranz macht mich anscheinend zu einer radikalen. Wie ich schon an anderer Stelle bemerkte, lautet meine persönliche oberste Direktive: Meine Toleranz endet dort, wo die Intoleranz anderer beginnt!

Deshalb kann ich Nazis an einem Ort, wo offener Diskurs auf Augehöhe gewünscht wird, nicht ernst nehmen oder gar tolerieren. (Eigentlich kann ich das grundsätzlich nicht, aber ich versuche, die Meinungsfreiheit ernst zu nehmen, solange sie in angemessenem Rahmen genutzt wird.) An dieser Stelle möchte ich noch auf die Beiträge von Bücherkrähe und Jasmin Zipperling verweisen, die mir ebenfalls aus dem Herzen sprechen.

Ein Fazit? – Kann ich nicht!
Es war meine erste Buchmesse und ich hatte mich sehr darauf gefreut. Bücher begleiten mich bereits mein ganzes Leben und wie für viele andere Leseratten ist fast jedes Buch ein kleiner Schatz für mich, dem ich mit Ehrfurcht begegne. Bücher sind gleichbdeutend mit Bildung, Wissen und Freiheit. Jedes Buch bietet auf seine Weise die Möglichkeit, in Geschichten oder Geschichte einzutauchen, in fremde Welten zu fliehen oder schlicht neues Wissen zu gewinnen.
Die Buchmesse war für mich ein Ort, den ich mit Ehrfurcht und Freude betrat. Ehrfurcht vor der schieren Masse bedruckter Seiten und die Freude darauf, in ihnen zu stöbern und mich mit Gleichgesinnten auszutauschen.
Mit Gleichgesinnten …

 

3 Gedanken zu “Schatten über den Wäldern

  1. Hallo Wiebke,
    danke für den tollen Beitrag. Hat mir wieder einmal sehr gefallen und ich sollte öfter auf deinem Blog vorbeischauen, wie ich gerade merke.
    Allerdings muss ich dich enttäuschen: Auf Buchmessen geht es auch ohne „politische Zwischenfälle“ oder „total hirnverbrannte Eskalationen“ (hier möge man sich meine Haltung / meinen Ton in dieser Thematik frei wählen) irgendwie nie um Bücher.
    Ich habe es so erlebt, dass es insgesamt einfach nur ums Geschäft oder ums Networking geht. Man knüpft Kontakte, verbringt eine gute Zeit mit denen und versucht, an Verlage, Agenten und andere sinn- und nutzvolle Kontakte heranzukommen. Dann kommen noch die Events, die du oben ja auch genannt hast, und zu all dem, was positiv ist, sind da auch noch Bücher um einen rum.
    Ich freue mich sehr auf die Leipziger Buchmesse und meinen kleinen Ausflug zur BuchBerlin und würde mich freuen, dich dort wiederzusehen. Unterstellen wir den Verantwortlichen für Sicherheit, Totschweigen und co einfach mal, dass aus der fbm17 gelernt wurde und wir uns in naher Zukunft einfach nurnoch auf das konzentrieren können, wofür wir da sind. Ist das utopisch? Keine Ahnung. Habe selbst noch keine Messe als normaler Besucher mitgemacht und seit der Vorkommnisse muss ich sagen, dass ich davor auch ein wenig Respekt gewonnen habe. Hoffentlich wird der Respekt nicht zu Furcht.
    My five Cents.

    1. Liebe Kia,
      dass es in erster Linie ums Geschäft geht, war mir selbst in meiner leicht naiven Verklärung bewusst. Aber immerhin ums Buchgeschäft.
      Ich teile deine Hoffnung, dass aus den Fehlern gelernt wird. Mein Glaube an den Menschen ist diesbezüglich zwar etwas eingeschränkt, aber auch ich möchte mich auf die Leipziger Buchmesse freuen können.
      Und letztlich ist es natürlich immer noch entscheidend, wie wir uns selbst positionieren und damit umgehen. Und solange es Menschen gibt, die nicht mit derartigen Vorkommnissen einverstanden sind und dies auch äußern, bin ich bereit, die Hoffnung nicht ganz aufzugeben.
      Liebe Grüße
      Wiebke

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