Buchgedanken

„Namenlos-Eine Frankfurter Novelle“

Ich habe lange überlegt, ob ich Sie hier ab und an mit Rezensionen belästigen soll oder nicht. Ich mag eigentlich keine Rezensionen. Ich lese sie nicht einmal. Dennoch spreche ich gerne über Bücher. Allerdings in einem positiven Ton. Ich liebe den Austausch und daher meine Entscheidung, die Bezeichnung „Rezension“ bewusst zu vermeiden. Ich möchte Bücher nicht in diesem Sinne betrachten oder gar bewerten. Weder nach meinen, noch nach allgemeinen Maßstäben. Meine kurzen Buchgedanken dienen dazu, das Gelesene reflektiert zu betrachten und festzustellen, was das Werk für mich einzigartig macht. Was hat mich fasziniert? Was macht es besonders, interessant oder unterhaltsam? An mancher Stelle werden Sie vielleicht auch kritische Töne vernehmen, doch was es nicht geben wird sind ausschließlich negative Betrachtungen oder gar Verrisse. Daher schaffen es hierher nur solche Werke, die besonders vielversprechende Sprösslinge in meinem Gedankenwald hinterlassen und ihn auf besondere Weise bereichert haben.

Im Rahmen der #Autorinnenzeit widme ich den Auftakt meiner Buchgedanken Nika Sachs und ihrer Novelle „Namenlos“.

Vertrautheit trotz Anonymität. Ist so etwas überhaupt möglich? Genau das ist die Frage, der sich die beiden der Protagonisten in dieser kurzen, jedoch tiefgehenden Geschichte stellen.

Es geht um Anonymität. Nicht etwa um die Anonymität eines Individuums inmitten einer transparenten Gesellschaft. Nein, es geht um zwei Menschen, die sich ganz bewusst dazu entscheiden, ihre Anonymität voreinander zu bewahren. Zwei Menschen, die die Anziehung, die zwischen ihnen herrscht, wahrnehmen und sich ihr außergewöhnlich bewusst stellen. In erster Linie ist es die Protagonistin, die dazu neigt Klartext zu sprechen und so ihren klaren Vorstellungen Ausdruck verleiht. Der männliche Protagonist, gibt sich zunächst ironisch, wenn es um die Festlegung der Regeln für die namenlosen Dates geht, findet jedoch merklich gefallen an der Unwissenheit bezüglich der jungen Frau. Doch je größer die Anziehung zwischen den Protagonisten wird, desto mehr wächst auch seine Neugierde und es fällt ihm zunehmend schwer, sich an die vereinbarten Regeln zu halten.

Für mich war es nicht ausschließlich die Anonymität zwischen den frisch verliebenden, die den Reiz des Buches ausmacht. Es waren vielmehr die Figuren selbst. Der Autorin ist es gelungen, die Romanze zwischen Max und Erika Mustermann zu beschreiben und die Figuren dennoch interessant zu gestalten. Der Leser erfährt nur wenig über sie und ihn und dennoch ziehen beide Charaktere ihn in den Bann. Die Autorin verrät, dass beide nicht den Hauptgewinn bei der Verlosung der Lebensträume gezogen haben und jeder einen gewissen Ballast mit sich trägt. Während die Handlung immer wieder kleine Puzzleteile zu diesem Ballast liefert, wird er für den Leser immer unerheblicher. Der Leser hat inzwischen erkannt, dass die Vergangenheit für jeden der beiden bedeutsam ist, jedoch nicht für die Entfaltung ihrer Romanze. Hier stehen nur die Persönlichkeiten als solche im Mittelpunkt und nicht das, was sie dazu gemacht hat.

Dieses schmale Büchlein hat mir gezeigt, dass es in unserer Zeit, in der wir mit wenigen Mausklicks nahezu alles über einen Menschen erfahren können, sehr wertvoll sein kann, sich bewusst in Unwissenheit zu hüllen. Schließlich sind es die Menschen selbst, auf die wir uns letztlich einlassen müssen.

Abschließend möchte ich erwähnen, dass ich mich vorsichtig mit Leseempfehlungen umgehe. Sie sollen selbst entscheiden, was Ihnen lesenswert scheint. Doch ich kann nur dazu anregen, sich einmal auf dieses Gedankenexperiment einzulassen. Was macht es mit uns, dass wir einen Mensch oft schon zu kennen glauben, ohne ihm jemals wirklich begegnet zu sein? Welche Aspekte machen einen Menschen wirklich kennens- und liebenswert?